Von Niedersachsen nach Babelsberg

Ein Besuch beim 55. Sehsüchte-Festival

(Foto: Tinett Kähler)

„Das Festival ist in kompletter Eigenregie von Studierenden organisiert. Das ist das Besondere bei uns“, sagt Anna Partheymüller, Teil der Festivalleitung des diesjährigen Sehsüchte-Festivals, das eng an die Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF angebunden ist. Es ist ihr zweites Jahr im Orga-Team des Filmfestivals und somit auch ihr letztes, wie sie ein bisschen wehmütig anmerkt.

Wir sitzen auf gelben Polstermöbeln in dem liebevoll gestalteten Innenhof des Waschhauses Potsdam. Hier findet das Sehsüchte zum 55. Mal statt. „Szenografie, Produktion - etwa 60 Leute arbeiten im Festivalteam. Alles was du siehst, haben wir uns überlegt, besorgt, aufgebaut“, sagt Anna stolz. Ein Blick über das Gelände verrät: 9 Monate Vorbereitung haben sich gelohnt. Tischtennisplatten, Foodtrucks, Sonnenstühle, eine Virtual-Reality-Ecke und eine interaktive Ausstellung zum diesjährigen Thema „What’s left?“ von Medienkünstler*innen aus ganz Deutschland. Ach, und Filme gibt es natürlich auch.

Aus über 1300 Einreichungen aus 80 Ländern ist das Programm zusammengestellt worden. „Ab November kann eingereicht werden, bis Januar wird in der ersten Sichtungsphase erstmal grob sortiert“, so Anna. „Nach der Vorauswahl sperren sich die Kurator*innen der jeweiligen Sektionen quasi ins Kino ein, sortiert noch einmal und fragt sich: Welcher Film passt wo hin?“ Die Entscheidung sei alles andere als leicht gefallen. Dabei achte das etwa 20-köpfige Team auch auf Stimmen, die sonst nicht gehört werden. „Sei es eine ganz besondere Erzählart oder Emotionalität, vielleicht auch etwas künstlerisch Neues. Der Fokus dieses Jahr liegt mit dem Rahmenprogramm des Social Impacts ein bisschen auf politisch engagierten und aktivistischen Perspektiven. Wir wollen ihnen eine Bühne geben, auch wenn etwas nicht top produziert ist“. Besonders stolz sei Anna außerdem auf die Sektion der Musikvideos, die nach ein paar Jahren Pause wiederbelebt wurde. „So ein Musikvideo auf der großen Leinwand zu sehen - sonst werden die ja doch immer auf kleinen Handyscreens konsumiert - das ist schon was Besonderes.“

Von Hannover nach Potsdam: Networking am Cafémobil

Dass sich der Weg für die große Leinwand lohnt, finden auch Paula Baierlein und Jonathan Bar-Am. Die beiden sind extra aus Hannover angereist, weil es ihr Film FRIEDEFREUDE ERZGEBIRGE ins Programm geschafft hat. Dort studieren sie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien (HMTM). „Es ist einfach jedes Mal wieder ein Wahnsinnsgefühl, den eigenen Film auf einer Kinoleinwand zu sehen“, so Jonathan. Wir nutzen die Pause zwischen den Blöcken für einen Espresso am Cafémobil. Das diesjährige Programm ist bewusst so geplant, dass Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden und sich Pausenzeiten überschneiden. Das Ziel: Reibungspunkte schaffen und den Diskurs fördern.

„Der Austausch mit anderen Filmschaffenden ist super. Schade nur, dass es immer so ein bisschen in der Bubble bleibt“, sagt Jonathan. Es ist das vierte Festival, das sie mit FRIEDEFREUDE ERZGEBIRGE besuchen. In dem Kurzfilm begleiten sie mit Kilian Kämpe - dem dritten Filmemacher im Bunde - einen Jugendlichen im sächsischen Erzgebirge, der sich linkspolitisch engagiert.

Was das Tollste am Sehsüchte sei? Paula strahlt: „Ich komme gerade aus einem Workshop über Green Storytelling – der war mega.“ Auch Jonathan findet: „Die Workshops haben echt eine hohe Qualität - die Filme aber auch.“

Mehr als eine Aneinanderreihung von Filmblöcken

Das Panel- und Workshop-Programm ist auf die Bedürfnisse junger Filmemacher*innen abgestimmt. Es wird über Filmstudios im Zeitalter von KI und Virtual Production diskutiert, der Rechtsruck in der deutschen Filmbranche wird thematisiert und die neue (Talent-)Filmförderung des Kuratorium junger deutscher Film wird vorgestellt, um nur einige Beispiele zu nennen. In „Pitch-Perfekt“ üben die Teilnehmer*innen im sonnigen Innenhof durch Rollenspiele, im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Und wenn es dann mit dem eigenen Film geklappt hat, kann man von „shortlisted“ erfahren, wie eine erfolgreiche Festivalauswertung funktioniert. „Wir haben uns während des Studiums so in dieses Thema reingefuchst“, erzählen Jannis Alexander Kiefer und Frithjof Stückemann, die Gründer von „shortlisted“. „Wäre schade, wenn dieses Wissen jetzt verpufft.“ Parallel zum Hauptjob entwerfen sie deshalb Festivalstrategien für Kurzfilme. „Man muss sich wirklich genau überlegen, wo man einreicht. Wo der Film überhaupt eine Chance hat, was der Fokus des Festivals ist. Viele Festivals fordern außerdem Premieren. Und es gibt unzählige Online Festivals, die eigentlich gar keinen Mehrwert haben, aber teuer sind.“ Ihr Rat: so früh wie möglich einreichen und dabei nicht auf so genannte „Klappstuhl-Festivals“ hereinfallen. Außerdem könne man nach Waiver - Codes zur Gebührenreduzierung fragen, falls das Geld knapp wird. Vor allem aber, solle man selbst auf Festivals fahren und schauen, was gezeigt wird. Mit anderen Filmemacher*innen ins Gespräch kommen. Nicht nur bei organisierten Networking Veranstaltungen, auch zwischen Programmpunkten.

Deepfakes und Virtual Reality

Zum Beispiel bei der Ausstellung, zu der ich mich im Anschluss treiben lasse. Auch hier zieht sich das Motto „what's left“ wie ein roter Faden hindurch. Hier werden Installationen, audiovisuelle Werke und interaktive Formate gezeigt, die neue Perspektiven eröffnen und zum Verweilen einladen sollen. Die Künstler*innen sind häufig anwesend und stehen Rede und Antwort. So auch Manuel Talarico. Vom Festival selbst habe er deshalb nicht viel mitbekommen, betont aber die angenehme und professionelle Zusammenarbeit mit den Creative Technologists, die die Ausstellung konzipiert haben. Manuel Talarico hat die Idee zu YOU ARE I AND I ARE YOU drei Jahre verfolgt und konnte im Rahmen einer Medienkunstfellowship des Landes Nordrhein-Westfalen in der digitalen Kultur in Dortmund mit Jan Schulten erste Prototypen realisieren. Die interaktive Video Performance verwendet Deep-Fake als Interface zwischen KI und Besucher*innen. „Man sieht, wie man selbst gedeepfaked wird. Du bekommst das Gesicht der Person, die zuletzt die Installation angeschaut hat, in Echtzeit“, erklärt mir Manuel, während ich auf dem Display in die fremden Konturen meines Gesichts blicke. Ist es überhaupt noch mein Gesicht - jetzt mit dem Bart und den kantigen Gesichtszügen des Vorgängers? „Unsere Installation stellt die Frage, was in einem Zeitalter der technologischen Vermittlung von Identität, Wahrheit und Empathie noch übrig bleibt. Wenn die Identitätsmarker plötzlich austauschbar sind “, so Talarico.

Auf dem anderen Ende des Geländes findet sich die „Virtual Reality-Sektion“. Hier wandern Menschen mit VR-Brillen umher, heute eine ganze Schulklasse, die bei einem Ausflug zum Sehsüchte medienpädagogische Fragen stellt. Ich treffe außerdem auf ein weiteres Gesicht aus Niedersachsen. Merrill Hagemann ist von Hannover nach Berlin gezogen, um seinen Master an der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF zu studieren. Er leitet die VR-Sektion des 55.Sehsüchte-Festivals: „Nach Akquise, Werbung und viel Kommunikation mussten wir die schwierige Aufgabe bewältigen, eine Auswahl aus all den schönen Einsendungen zu treffen. Wir haben uns für acht tolle Projekte entschieden, fünf 360-Grad-VR-Filme und drei interaktive VR-Projekte“. Dass alle Projekte gleichmäßig vom Publikum ausgewählt wurden, spricht für die Zusammenstellung des Programms. Auch hier waren die Artists zum Teil vor Ort und haben über ihre Projekte gesprochen.

Ein paar Räume weiter sprechen währenddessen die Teilnehmer*innen des diesjährigen Pitchwettbewerbs im Rahmen der „Schreibsüchte“ über ihre Projekte. 7 Minuten haben die Pitchenden Zeit, die vierköpfige Jury und das Publikum in Saal 3 von ihren Filmideen zu überzeugen. Unter ihnen auch Thore Fahrenbach, der Gewinner des Pitch-Wettbewerbs des letzten Film- und Medienforums in Hannover. In SPREU VON WEIZEN erzählt er von einer Geschwister-Beziehung auf dem Land, die sich nach dem Suizidversuch des Vaters neu finden muss. Die Stoffe - von Abtreibung über einen Musikclub in Jena - könnten fast unterschiedlicher nicht sein. Trotzdem eint alle die Frage „whats left“?

In der Sektion „Schreibsüchte“ finden Stoffe Platz, die es noch nicht auf die Leinwand geschafft haben. Neben der Möglichkeit zu Pitchen ist die Veranstaltung „Kopfkino“ Teil der Sektion. In der szenischen Lesung lesen Schauspielstudierenden der KONRAD WOLF aus ausgewählten ‚Work in Progress‘-Projekten. „Das ist halt das Schöne, dass wir so breit aufgestellt sind und auch viel ausprobieren“, erklärt Anna Partheymüller das fächerübergreifende Konzept. Und jetzt freue sie sich auf den Abschlussabend. „Die ganze Anspannung, den ganzen Stress der letzten Wochen loslassen.“

Feierlicher Abschluss im Hans-Otto-Theater

Im Hans-Otto-Theater findet die Preisverleihung statt, bei der insgesamt 13 Preise vergeben werden. Begleitet wird das Programm musikalisch und mit einer Tanzeinlage eines Kollektivs aus Berlin. Anschließend steigt die große Abschiedsparty auf dem Festivalgelände, outdoor und indoor. Live-Music, DJs, Bierpong Turnier, Karaoke. „Wir haben überlegt, worauf wir selbst auf Festivals Lust haben - und das halt dann gemacht“, strahlt Anna. Ich frage sie zum Abschluss noch nach einem Tipp für den Nachwuchs: „Mutig sein und einfach probieren. Es gibt ja auch keine Einreichungsgebühr.“

Zurück im Zug nach Hildesheim frage ich mich: „What’s left?“ nach diesen ereignisreichen Tagen. Neben einem Haufen Informationen und inspirierenden Filmen auf jeden Fall der Vorsatz, im nächsten Jahr wiederzukommen.

Philomena Petzenhammer