
(Foto: Kerstin Hehmann)
„Wir befinden uns mitten in einem Change-Prozess und ich bin sehr glücklich darüber, dass alle aus dem Team der nordmedia bereit sind, dabei mitzumachen. Für die Branche in Niedersachsen hoffe ich, dass die ganzen Ideen, die wir jetzt auf Grundlage der Studie entwickelt haben, Finanzierung und Zustimmung finden und dass die Film- und Medienschaffenden davon zeitnah profitieren können.“ (Meike Götz im Mai 2026)
Sie sind seit Januar 2025 Geschäftsführerin der nordmedia und haben sich mit vielen niedersächsischen Filmschaffenden, Festivalmacher*innen, Produzent*innen und anderen Branchenvertreter*innen ausgetauscht, um die Wünsche und die Stimmungslage zu erfassen. Mit welchen Ergebnissen der Studie haben Sie gerechnet? Welche haben Sie überrascht?
Meike Götz: Wir haben die Studie im letzten Jahr durchgeführt und ich muss gestehen, dass wir in der nordmedia mit ähnlichen Ergebnissen gerechnet haben. Die Studie war also eine Bestätigung des Bauchgefühls, das wir alle hatten. Was uns aber überrascht hat, war die Anzahl der Unternehmen, die in einem Umsatzbereich von 22 000 bis 100 000 Euro arbeiten. Wir haben nicht damit gerechnet, dass eine so große Menge an Filmschaffenden in eher kleinen Unternehmen oder als Selbständige arbeiten.
Es haben sich 203 Unternehmen/Freiberufler*innen/Selbständige an der Online-Befragung beteiligt. In Niedersachsen gibt es aber - laut ebenfalls in der Studie veröffentlichter Statistik - 484 Unternehmen. Ist es frustrierend, dass sich nicht mal die Hälfte beteiligt hat?
Meike Götz: Überhaupt nicht. Sondern ganz im Gegenteil. Wir waren positiv überrascht, dass doch knapp die Hälfte sich beteiligt hat. Die Goldmedia, die Research- und Consulting-Agentur, die für uns die Studie durchgeführt hat, signalisierte uns, dass üblicherweise deutlich weniger bei so einer Studie mitmachen.
Ein Drittel der Firmen, die sich an der Online-Umfrage beteiligt haben, haben ihren Sitz nicht in Niedersachsen. Was interessiert Sie an der Rückmeldung dieser Firmen besonders?
Meike Götz: Für uns sind alle Firmen interessant, die im nordmedia-Fördergebiet arbeiten, nicht nur die Firmen, die in Niedersachsen und Bremen angesiedelt sind. Für uns ist gut zu wissen: Wie bewertet Ihr den Standort? Auf welchen Feldern müssen wir uns weiterentwickeln, damit Ihr noch bessere Arbeitsbedingungen vorfindet? Was genau braucht Ihr denn, liebe Produzierende aus Deutschland, Europa und der Welt, damit Ihr bei uns gut arbeiten könnt? Die nordmedia ist eine Kultur- und Wirtschaftsförderung. Und gerade die, die von außerhalb kommen, zahlen eher auf die Wirtschaftsförderung ein, d.h. sie bringen Projekte mit, die werden hier gedreht, sie benutzen unsere Produktions- und Postproduktionsstrukturen, damit bringen sie einen Regionaleffekt mit, unterstützen unsere Wirtschaft und unsere Bruttowertschöpfungskette.
Ein Ergebnis der Studie, auf das auch Frank Doods, Chef der Niedersächsischen Staatskanzlei und Aufsichtsratschef der nordmedia im Interview für den Rundbrief 152 schon hingewiesen hat, ist die Struktur der niedersächsischen AV-Branche: „Die Branche ist von kleinen Unternehmen, Selbstständigen und freiberuflich Tätigen geprägt. Über die Hälfte erzielt einen Jahresumsatz unter 100.000 EUR.“ Wie bewerten Sie das?
Meike Götz: Ich finde das prekär. Denn am Ende des Tages heißt es natürlich, wenn eine Firma oder eine selbständig arbeitende Person einen so geringen Umsatz hat, dass sie davon kaum leben kann. Deshalb beschäftigen wir uns als nordmedia gerade mit der Frage, was wir tun können, damit sich die Unternehmen weiterentwickeln und perspektivisch zu mittelständischen Unternehmen werden, die gut finanziert sind und im Idealfall auch Mitarbeiter*innen anstellen können.
Gibt es schon konkrete Überlegungen, wie die nordmedia das umsetzen wird?
Meike Götz: Wir haben ein umfassendes Strategiepapier erarbeitet, da kann ich jetzt noch nicht so viel zu sagen. Aber ein Aspekt des Papiers ist die Unternehmensentwicklung. Wie können wir Unternehmen dabei unterstützen, sich weiterzuentwickeln? Da haben wir uns verschiedene Ideen überlegt.
Sie waren auf dem Panel „Under One Umbrella“ des letzten Film- und Medienforums. Sind solche oder ähnliche Strukturen auch in Niedersachsen vorstellbar? Und könnten die zur Lösung des Problems beitragen?
Meike Götz: Die Umbrella-Strukturen funktionieren im Prinzip so, dass Produzierende mit unterschiedlichen Kompetenzen ihre Stärken bündeln und Synergien nutzen. Ich finde das grundsätzlich eine sinnvolle Idee. Wenn alle immer alles machen müssen, z.B. Dinge wie Buchhaltung, kostet das viel Energie, die man anders einsetzen kann, wenn man sich zusammenschließt. Dadurch lässt sich für die eigentliche Arbeit des Produzierens Zeit gewinnen. Ich finde Umbrella-Strukturen spannend. Das muss sich aber aus der Branche heraus entwickeln. Was wir als nordmedia tun können, ist Standortentwicklung und damit auch Weiterbildung verstärkt in den Fokus zu nehmen. In der Studie wurde sehr konkret formuliert, welche Weiterbildungen sich die Filmschaffenden wünschen: Da wurde z.B. Kalkulation genannt oder internationales Koproduzieren. Es ging auch um solche Themen wie Teamführung und Selbstmarketing.
Ein anderes Ergebnis der Studie bezieht sich auf die Zusammenarbeit der Filmschaffenden mit der nordmedia. Während Beratung und Kommunikation sehr positiv bewertet werden, gibt es Kritik bei den Themen Verfahrensdauer und Transparenz der Förderentscheidungen und der Bewertungskriterien.
Meike Götz: Erstmal möchte ich betonen, dass das Team der nordmedia und die Arbeit der nordmedia sehr gut wahrgenommen wurden. Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil das natürlich eine Wertschätzung des gesamten nordmedia-Teams ist. Eher negativ bewertet wurde der Prozess der Antragstellung und Antragbewilligung bzw. -ablehnung.
Welche Schritte wird die nordmedia unternehmen, um das zu verbessern? Hilft z.B. die Harmonisierung aller Förderungen in Deutschland, die seit langem angestrebt wird?
Meike Götz: Der Harmonisierungsprozess unter den Bund- und Länderförderungen läuft seit Jahren. Wir sind da auf einem guten Weg. Für 2027 ist die Umsetzung für einen Teil geplant. Aber wir als nordmedia hören da natürlich nicht auf! Die Harmonisierung ist die Basis. Und dann muss sich nordmedia auf Grundlage dieser Basis weiterentwickeln. Gerade haben wir einen Workshop mit dem Vergabeausschuss veranstaltet, um Themen wie Bürokratieabbau, Transparenz, Schnelligkeit der Verfahren zu bearbeiten. Wir sind also derzeit mitten im Prozess. Wir hoffen Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres mit Ergebnissen aufwarten zu können.
Wie gehen Sie mit der Kritik an der Transparenz um, ein Thema, das Ihnen sehr am Herzen liegt. Darauf haben Sie in unserem Interview im April 2025 hingewiesen.
Meike Götz: Wir haben einen Vergabeausschuss und dieser entscheidet über die Projektförderungen. Und die Diskussionen im Vergabeausschuss bleiben auch im Vergabeausschuss. Und das finde ich auch gut und richtig so. Was wir allerdings versuchen ist, ein Tool zu entwickeln, das die Transparenz der Entscheidungen stärkt - damit haben wir im Workshop des Vergabeausschusses begonnen und ich hoffe, dass wir dieses tatsächlich umsetzen können, um den Förderkund*innen ein klareres Bild davon zu geben, warum wurden sie gefördert oder warum wurden sie nicht gefördert.
In der Studie gibt gut die Hälfte der Befragten an, auch international zu arbeiten. Sie haben das Thema internationale Koproduktionen zu einem wichtigen Bestandteil Ihrer Arbeit bei der nordmedia gemacht und mit Delegationsreisen 2025 nach Kanada und 2026 nach Göteborg für Vernetzungsmöglichkeiten der niedersächsischen Produzierenden gesorgt. Ich vermute, dass Sie sich durch die Studie sehr bestätigt fühlen. Wie wollen Sie die Möglichkeiten für internationale Koproduktionen noch weiter ausbauen?
Meike Götz: Auf jeden Fall plane ich, diese Delegationsreisen fortzuführen. Das Feedback der Produzierenden, die mitgereist sind, war immer durchweg positiv. Die Teilnehmenden haben in der späteren Evaluation geäußert, dass sie sehr viel von dem Land, in das sie gereist sind, verstanden haben. Sie konnten sich über das Fördersystem vor Ort informieren, über Produktionsmöglichkeiten und über die Marktlage. Und natürlich konnten sie Kontakte knüpfen und Koproduktionen anbahnen. Wir haben übrigens gerade gemeinsam mit der MOIN Filmförderung fünf Filmemacher*innen aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen die Teilnahme an den Filmfestspielen in Cannes ermöglicht - inklusive intensivem Networking-Programm. Aus Niedersachsen haben Eike Weinreich, aus Bremen Astrid Menzel teilgenommen. Die Talente wurden in Cannes von einer Netzwerkerin, Frauke Kolbmüller von Oma Inge Film, begleitet, die ihnen half, das Festival und den Filmmarkt zu verstehen. Die Teilnehmenden haben zahlreiche Einladungen zu Netzwerk-Events erhalten und hatten dadurch die Möglichkeit sich mit anderen Talenten zu treffen und gemeinsame Produktionen zu entwickeln. Neben den Delegationsreisen denken wir zudem über Weiterbildungsangebote nach, um die Produzierenden vor Ort noch stärker im Bereich internationale Koproduktion zu professionalisieren.
„Es ist strukturell ein Problem, dass die richtig guten Leute, die sich hier entwickeln, relativ schnell wieder weg sind. Es ist schwierig sie am Standort zu halten.“ So lautete ein Zitat aus einem der Tiefeninterviews der Studie, in dem deutlich wird, wie stark der Fachkräftemangel als Problem wahrgenommen wird. Was unternimmt die nordmedia dagegen? Gibt es neben Fortbildungen (u.a. durch das FMB) auch Überlegungen stärker mit den Hochschulen zu kooperieren oder die Hochschulen zur Kooperation untereinander zu animieren?
Meike Götz: Ja. Michał Honnens, unser Förderreferent für Debüt und Nachwuchs, versucht gerade aktiv, verschiedene Hochschulen aus Niedersachsen zu verknüpfen, damit perspektivisch eine engere Zusammenarbeit stattfinden kann. Außerdem haben wir auch noch ein Tool in Entwicklung, um Hochschulen und Branche stärker miteinander zu vernetzen
In der Studie werden verschiedene deutsche Förderstandorte verglichen. Niedersachsen schneidet nicht gut dabei ab, liegt im Bereich Fördervolumen auf dem vorletzten Platz. Warum fördert die nordmedia dennoch so viele Projekte? NRW hat z.B. bei Filmproduktionen ein Fördervolumen von 22,5 Mio Euro und fördert damit 80 Projekte. Das niedersächsische Fördervolumen beträgt gut die Hälfte (11,1 Mio Euro), damit werden 74 Projekte gefördert. Was führt zu dieser Entscheidung? Halten Sie sie für sinnvoll?
Meike Götz: Über dieses Thema haben wir ebenfalls im Workshop des Vergabeausschusses gesprochen. Da gibt es aber noch keine konkreten Ergebnisse.
Wie geht es nach der Vorstellung der Studie weiter?
Meike Götz: Wir haben die Goldmedia-Studie, die seit Februar 2026 vorliegt, als Grundlage genommen, um ganz, ganz viele Dinge zu be- und erarbeiten. Das sind Themen wie Sichtbarkeit, internationale Koproduktionen, Unternehmensentwicklung, Fachkräftemangel und Weiterentwicklung von Fachkräften, Förderstrategie und Weiterentwicklung von Förderinstrumenten und Games. Wir sind in vielen Dingen mitten im Prozess. Und sicherlich bräuchte es dafür auch mehr Mitarbeitende, um schneller und effizienter zu sein. Wir sind aber auch ein ganz tolles Team, wo jeder und jede mitzieht. Alle haben ihren Job. Und nebenbei noch ein Strategieprozess zu begleiten, an dem alle partizipieren müssen - die Basis muss mit dabei sein – das ist ein enormer Mehraufwand für alle. Ich habe großen Respekt vor dem gesamten Team und auch vor dem Aufsichtsrat, der uns begleitet und unterstützt. Wir befinden uns mitten in einem Change-Prozess und ich bin sehr glücklich darüber, dass alle bereit sind, dabei mitzumachen. Für die Branche in Niedersachsen hoffe ich, dass die ganzen Ideen, die wir jetzt auf Grundlage der Studie entwickelt haben, Finanzierung und Zustimmung finden und dass die Film- und Medienschaffenden davon zeitnah profitieren können.
Das Gespräch führte Cornelia Köhler.