
(Foto: Freud & Ecstasy)
Frederik Ehrhardt sitzt während unseres Gesprächs in einem Hotelzimmer in Basel. Er nimmt an den Writers Room Roundtables der CinEuro teil, einem Stoffentwicklungsformat für Autor*innen aus der deutsch- und französischsprachigen Schweiz, Deutschland und Frankreich. Er arbeitet dort an einem Projekt, das er zusammen mit dem spanischen Regisseur Pablo Pagán entwickelt und das als dessen Langspielfilm-Debüt geplant ist. Die beiden haben bereits den spanisch-amerikanischen Kurzfilm VOYAGER gemeinsam realisiert.
Neben diesem Projekt gibt es noch zahlreiche andere Produktionen an denen Frederik Ehrhardt gerade beteiligt ist: Für den Dokumentarfilm WOMEN IN FLUX(US), eine deutsch-litauische Koproduktion, findet gerade der Feinschnitt des Projektteasers statt und im Juni wird der Kurzfilm ESTERTOR in Valencia gedreht – eine spanisch-deutsche Koproduktion. Beide Filme werden von der nordmedia gefördert.
Außerdem arbeitet Frederik Ehrhardt an drei weiteren Dokumentarfilmen in unterschiedlichen Entwicklungsphasen - ein großes Portfolio für eine junge Firma.
Firmengründung in Göttingen
Gegründet hat er Freud & Ecstasy 2025 in Göttingen. Nach vielen Jahren in New York, wo er Film studiert und vier Jahre bei der Produktionsfirma 3DMC des amerikanischen Produzenten Darren Dean gearbeitet hat, stand für ihn fest, dass er seine Firma in Deutschland gründen würde: „Ich fühle mich dem europäischen Autor*innenfilm sehr verbunden und habe eine große Leidenschaft für internationale Koproduktionen, die in Europa aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen und Koproduktionsabkommen leichter zu realisieren sind als in den USA.“
Auf die Gründung hat er sich intensiv vorbereitet: „Ich habe diverse Businesspläne geschrieben, lange am Firmenprofil gefeilt und mich von anderen Produktionsfirmen beraten lassen. Mein Kollege Claus Herzog-Reichel von der Kölner Filmfaust ist mir ein wichtiger Ansprechpartner, genau wie Jakob Zapf und Tonio Kellner von Neopol Film aus Frankfurt. Das Mentoring bei ihnen hat mir das Vertrauen und die Inspiration gegeben, 2025 in meiner Heimatstadt Göttingen selbst zu gründen.“
Den Standort Niedersachsen schätzt er sehr und fühlt sich bei der nordmedia und dem Film& Medienbüro gut aufgehoben: „Eine bessere Unterstützung von Beginn an hätte ich mir nicht vorstellen können.“ Er war 2025 bei der nordmedia-Delegationsreise nach Kanada dabei und konnte dort viele wertvolle Kontakte knüpfen - sowohl zu kanadischen Produzentinnen und Produzenten als auch zu denen in Niedersachsen: „Ich nehme wahr, dass viele Filmschaffende bei uns in der Region großes Interesse am interkulturellen Arbeiten haben. Das finde ich sehr schön und das passt ja auch zu einer immer stärker international vernetzten Branche.“
Gute Zusammenarbeit mit der nordmedia und dem Film& Medienbüro Niedersachsen
An der Zusammenarbeit mit der nordmedia schätzt er besonders die Möglichkeit jederzeit in Kontakt treten zu können: „Ich habe auch Erfahrungen mit der Filmförderung in einigen anderen Ländern. Da sind der direkte Austausch und die Möglichkeit zu gegenseitigem Feedback eher selten. Bei der nordmedia besteht eine sehr große Offenheit.“
Und auch von den Filmschaffenden ist er begeistert: „Die Musik zum spanisch-deutschen Kurzfilm ESTERTOR wird Vanessa Donelly aus Gifhorn machen und für den Schnitt zeichnet Geraldine Sulima aus Hannover verantwortlich. Die beiden haben schon im Nordlichter-Projekt HYGGE zusammengearbeitet und ich freue mich sehr, dass wir sie für ESTERTOR gewinnen konnten.“
Kurzfilmproduzent in den USA und Europa
Obwohl Frederik Ehrhardt Screenwriting an der New York Film Academy studierte, arbeitet er heute überwiegend produzentisch: „Nach dem Studium hatte ich meine ersten Jobs in der Produktion. Dabei habe ich festgestellt, dass mir das liegt und ich es sehr gern mache. Und gelegentlich, so wie gerade in Basel, arbeite ich auch mal wieder als Autor.“
In den USA hat er zunächst schwerpunktmäßig in der Stoffentwicklung, der Postproduktion und Festivalplanung gearbeitet und nebenbei zunehmend eigenständig Projekte als Produzent umgesetzt. Unter anderem die Kurzfilme VOYAGER, STALKING THE BOOGEYMAN und ON POINT. „Kurzfilme sind gute Lernerfahrungen und letztlich Visitenkarten. Arbeitsproben, mit denen man sich auf Langfilme vorbereitet. Das gilt für mich als Produzenten wie auch für Regisseur*innen.“
Um in den USA abseits der großen Filmstudios Projekte zu finanzieren, braucht es gute Kontakte und viel Geschick. Denn eine Förderung wie in Deutschland und Europa gibt es dort nicht. „Die Finanzierung eines Films gleicht einem Puzzle, von Crowfunding, über Stipendien bis hin zu privater Unterstützung durch „Angel-Investoren“ war alles dabei in den letzten Jahren“, resümiert Frederik Ehrhardt. Umso mehr freut er sich, dass ESTERTOR sowohl vom Institut Valencià de Cultura als auch von der nordmedia gefördert wird. „Das ist schon etwas Besonderes, dass beide Seiten uns bei der Koproduktion eines Kurzfilms unterstützen, da Koproduktionen aufgrund des hohen Arbeitsaufwands eigentlich meistens bei Langfilmen zum Tragen kommen. Wir möchten als Team gern langfristige Strukturen zwischen beiden Regionen aufbauen und ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt“.
Die Auswertung seines Kurzfilms VOYAGER gelang ebenfalls mit niedersächsischer Unterstützung: „Ich habe am EFM-Workshop des Film& Medienbüros teilgenommen und konnte mich dadurch perfekt auf meinen ersten EFM vorbereiten. So ist der Kontakt zu Magnetfilm, einem Weltvertrieb in Berlin, entstanden, der sich auf Dokumentarfilme und Kurzfilme spezialisiert. VOYAGER läuft seit letzter Woche auf dem YouTube-Kanal von Magnetfilm und eine weitere Streaming-Auswertung ist für Ende Mai geplant.“
WOMEN IN FLUX(US) - ein deutsch-litauischer Dokumentarfilm
WOMEN IN FLUX(US), ein deutsch-litauischer Dokumentarfilm über die vergessenen Künstlerinnen der Fluxus-Bewegung ist noch nicht ganz so weit: „Wir sind mit dem Feinschnitt des Teasers beschäftigt. Der soll ca. fünf Minuten lang werden und dient zur Vorstellung des Projekts bei Sendern und auf internationalen Koproduktionsmärkten.“
Die Fluxus-Bewegung ist eine Kunstrichtung der 1960er Jahre, begründet vom litauisch-US-amerikanischen Künstler George Maciunas, von dem heute bekannt ist, dass durchaus mal Werke von Künstlerinnen unter seinem Namen veröffentlicht wurden. Umso wichtiger, sich mit den Frauen der Fluxus-Bewegung zu beschäftigen.
Frederik Ehrhardt: „Die Zeit drängt, da viele der Künstlerinnen schon sehr betagt sind. Leider ist Takako Saito, eine japanische Künstlerin, die seit den 1970er Jahren vorwiegend in Düsseldorf gelebt hat, im letzten Jahr kurz vor dem geplanten Interview verstorben.“
Frederik Ehrhardts Freud & Ecstasy produziert den Film zusammen mit der VsI 360 laipsniu filmai von Andrius Lekavicius aus Litauen. Regie führt Lina Lyte Plioplyte. Im Interview zu Wort kommen u.a. die Bremer Kunsthistorikerin Dr. Anne Thurmann-Jajes vom Weserburg-Museum, Prof. Dr. Elena Zanichelli von der Uni Bremen und der Bremer Künstler Wolfgang Hainke.
Frederik Ehrhardt: „Ich bin so begeistert, dass wir so viele hochkarätige Fachleute in Niedersachsen und Bremen gefunden haben, die uns bei unserem Film unterstützen. Und ich freue mich natürlich sehr über die Projektweiterentwicklungsförderung der nordmedia, die uns den Teaserdreh und die Materialsicherung bei uns in der Region ermöglicht hat. Zudem haben wir eine Entwicklungsförderung des Lithuanian Film Center erhalten, dank der wir einige der noch lebenden Fluxuskünstlerinnen in den USA interviewen konnten.“
Konkrete Pläne für den Film hat das Team auch schon: „Wir möchten WOMEN IN FLUX(US) im nächsten Jahr fertigstellen und dann auf Festivals zeigen und in deutschen und internationalen Kinos auswerten.“
Die Rundbrief-Redaktion drückt die Daumen!
Nach unserem intensiven Gespräch bleibt jetzt nur noch eine Frage: Was hat es mit dem Namen Freud& Ecstasy auf sich?
Frederik Erhardt: „Freud & Ecstasy steht für den Anspruch, komplexe, tiefgründige Geschichten zu erzählen, die herausfordern und uns zugleich emotional packen und berühren. Intellekt und Herz im Einklang.“
Cornelia Köhler