Die Kunst kämpft

Festivalbericht 39. European Media Art Festival 2026

(Foto: "EVERYTHING ELSE IS NOISE" (c) Nicolás Pereda)

Ich besuche Osnabrück an einem ruhigen Sonntag. Die Aprilsonne ist schon stark, aber die Hände bleiben noch lange kalt. Das 39. EMAF liegt in seinen letzten Zügen. Es ist der letzte Tag des Festivals für Experimentalfilm. Ein Plakat in dunklem Pastelllila mit hellgrüner Grafik empfängt mich an der Lagerhalle. Doch die Ruhe in den sonnendurchfluteten Gassen der Osnabrücker Innenstadt täuscht. Hinter den Kulissen brodelt es. Das diesjährige Motto des Filmfestivals „An Incomplete Assembly“ zu Deutsch „Eine unvollständige Versammlung“ beschäftigt sich mit der Rolle und Verantwortung von Institutionen. Ein besonderer Blick erfolgt dabei natürlich auf die Kunstinstitutionen. Dieser Schwerpunkt hat die Wochen und Monate zuvor einen ungewollt aktuellen bitteren Beigeschmack bekommen.

Die Kontroverse um das diesjährige European Media Art Festivals hat mich schon zuvor schon erreicht. Das volle Ausmaß wird mir aber erst bewusst, als ich durch das Vorwort des Festivalkataloges blättere. Die Stadt Osnabrück hat sich am 30. März öffentlich von Teilen des Festivalprogrammes distanziert. Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies hat seine Schirmherrschaft für das Festival zurückgezogen. Beides ereignete sich auf Grund der politischen Haltung der Künstlerin Basma Al-Sharif. Wie es der Zufall will, läuft an diesem Sonntag ihr Film: MORGENKREIS (2025).

Kurzfilmprogramm über Selbstermächtigung

Doch zunächst stürze ich mich nach kurzer Orientierung am Festivalcounter in mein erstes Kurzfilmprogramm, das mit der Auswahl seiner Filme gleich zwei beeindruckende Geschichten erzählt. In dem Programm THEY GAVE US FLAMES, WE MADE A FIRE 4 sehe ich als den 29-minütigen Kurzfilm TABACCO EMBERS (1982), der die Geschichte einer Frauengewerkschaft in Nipani (Karnataka, Indien) erzählt. Wir sehen in schwarz-weißen Bildern Frauen jeden Alters in den kargen Hallen einer Tabakfabrik. Sie sitzen auf dem Boden. Der Stoff ihrer Kopftücher muss auch als Mundschutz herhalten. Den Staub werden sie sich nach ihrer Schicht noch vor den Toren mühsam aus den Kleidern klopfen. Ihr Frühstück haben sie schon auf dem Hinweg verzerrt. Pausen zum Essen oder für Toilettengänge sind selten. Nicht zu akzeptierende Arbeitsbedingungen und die Frauen haben genug. Genug von zu langen Arbeitstagen, der mangelhaften Dokumentation ihrer Arbeit und dem niedrigen Lohn. Am Ende sind es über 3000 Frauen, die in Streik treten. Das Filmkollektiv Yugantar verbrachte insgesamt vier Monate mit den Frauen. Dabei entschieden die Arbeiterinnen, wie und wann sie gefilmt werden. Daraus entstand eine teils dokumentarische, teils inszenierte Form der Darstellung, die von patriarchalen Machtgefällen und weiblicher Selbstermächtigung erzählt.

Um Arbeit und Selbstermächtigung geht es auch in dem Film ANTUCA (1992), der Teil des gleichen Kurzfilmprogramms ist. Die Themen sind die gleichen und nun in einen Spielfilm verpackt. Wir lernen die junge Hausangestellte Antuca kennen, die vor vielen Jahren unfreiwillig in die Stadt Lima in Peru emigrierte, um dort zu arbeiten. In den Haushalten erlebt sie immer wieder körperliche und sexuelle Gewalt. Sie hat nie eine Schule besucht und ist auf solche Anstellungen angewiesen. Zusammen mit einer Freundin, die gleiches erlebt hat, beschließt sie, in ihr Heimatdorf zurückzukehren, doch die lange Abwesenheit hat sie entfremdet. ANTUCA erzählt in fiktionaler Form das Schicksal von real existierenden jungen Frauen in Peru der 1990er Jahre und lenkt den Blick, genau wie zuvor TABACCO EMBERS, auf starke und mutige Individuen, die beschließen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.

Artist in Focus: Marwa Arsanios

Bevor der nächste Kurzfilmblock in der Lagerhalle beginnt, werfe ich einen kurzen Blick in die Library des Filmfestivals. Hier können die Besucher*innen des Festivals das Programm auf dem kleinen Bildschirm nachholen. Ich schaue den Kurzfilm FALLING IS NOT COLLAPSING, FALLING IS EXTENDING von Marwa Arsanios. Die Künstlerin ist in dieser Ausgabe des Festivals mit ihren Kurzfilmen in der Sektion ARTIST IN FOCUS vertreten. Ich sehe zunächst Strukturen, Oberflächen, Hinterlassenschaften, Abfall. Wir tasten uns langsam zu einem Gesamtbild heran. Milchiges Wasser sammelt sich zu festem, unnatürlichem Schaum. Wir befinden uns auf einer Müllhalde im Libanon. Tausende Spuren von Leben zusammen gepresst auf einem riesigen Berg. Auf diesem sollen nun neue Bauprojekte entstehen. Die Absurdität bedarf nur wenig Erklärung. Die Bilder sprechen für sich. Das Land wird hier zum Akteur. Sein Potenzial als physischer Raum und wie wir uns Menschen dazu verhalten, spiegelt sich im gesamten Kurzfilmprogramm von Marwa Arsanios beeindruckend wider.

MORGENKREIS von Basma Al-Sharif

Es ist nun Zeit für den MORGENKREIS (2025). Nicht nur für mich, als ich zurück in den Saal eile, sondern auch für Vater und Sohn, die in MORGENKREIS (2025) von Basma Al-Sharif ihrer vertrauten Morgenroutine nachgehen. Der Kurzfilm ist Teil des Programms IN EXCESS OF MEASURES.

Wir befinden uns in einer kleinen Wohnung. Ein Mann steht mit dem Rücken zum Fenster. Er raucht. Das blaue Licht des frühen Morgens macht ihn fast zur Silhouette. Eine Stimme aus dem Off stellt immer wieder Fragen, verhört ihn: Ob er sich zu Deutschland zugehörig fühlt, welche Sprache er mit seinem Sohn spricht, ob er den Namen der Kindergartengruppe seines Sohnes kennt. Die Fragen wirken in den privaten Räumen deplatziert und übergriffig. Eine körperlose Gewalt. Die Stimme stört es nicht, dass sie kaum oder gar keine Antworten bekommt. Sie fragt einfach weiter. Vom Fernseher aus hören und sehen wir ein Morgengebet. Es wird Zeit. Der Weg ist nicht allzu lang, der Abschied an den Türen des Kindergartens schon. Kurz glaubt man, die Stimme sei in der Wohnung geblieben, doch sie ist immer noch da. Die Bilder von spielenden Kindern und Strömen von flüchtenden Menschen mischen und überlagern sich. Morgen wird es genauso weitergehen. Immer wieder. Rauchen, Fragen, Kindergarten. Die Erinnerung an Flucht und Verlust schwebt über allem. Der Film erzählt mit seinem kurzen Einblick von Alltag und Routinen, aber auch von der Beweisschuld, die geflüchteten Personen auferlegt wird. Der Beweis, dass sie ein Anrecht darauf haben, hier in Deutschland zu leben. Dieser gehört genauso zum Alltag, wie das Anziehen der Schuhe für den Kindergarten. Leise und ruhig erzählt und dabei doch tosend laut und nachhallend.

Und genau so laut ist die Debatte, die dieser 21-minütige Kurzfilm ausgelöst hat. Das EMAF hat dennoch standgehalten - hat sein Programm nicht geändert unter dem öffentlichen Druck. Genau so wenig, wie die Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle im Frühjahr dieses Jahres. Die Kunst kämpft. Sie kämpft gegen Versuche der Zensur durch die Politik und für die uneingeschränkte Sichtbarkeit und den offenen Diskurs. MORGENKREIS spricht mit seiner Geschichte und seinen Bildern für sich und so wird es die Kunst immer wieder tun wird. Das hat das EMAF mit seiner Entscheidung mehr als deutlich gemacht.

Nur langsam lösen sich meine Augen von der mittlerweile dunkel gewordenen Leinwand. Bevor ich meinen letzten Film des Festivals sehe, schaue ich mir die Ausstellung „An Incomplete Assembly“ in der Kunsthalle Osnabrück an. Zensur und Sichtbarkeit sind auch hier Thema. Die Videoinstallation SEHEN WER WIR SEIN (S/W)OLLTEN von Robin Kötzle beschäftigt sich mit der medialen Konstruktion von Öffentlichkeit anhand der Protestereignisse in Deutschland zwischen 1952 und 1991. Gezeigt wird die Berichterstattung der ostdeutschen Aktuellen Kamera und der westdeutschen Tagesschau zu denselben Protesten und Demonstrationen. Hat eine Seite nicht berichtet, bleibt der Bildschirm schwarz. Die Installation erzählt passend zum Titel der Ausstellung von Perspektiven, Unvollständigkeit und der bewussten Zensur von geschichtlichen und politischen Ereignissen.

Um Perspektiven geht es auch in der 3-Kanal-Videoinstallation SENSATIONAL VIEW, TIRED SCREAMS von Sarah Reva Mohr. Aufnahmen aus Zoos brechen das träumerische Bild dieser Orte auf. Die Wege sind menschenleer, wir hören die Laute des Albino-Gorillas Snowflake, wie er mit Untertiteln übersetzt von seiner Perspektive hinter den Gittern und Glasflächen erzählt. Wer betrachtet hier wen? Was bleibt, wenn die Besucher*innen gegangen sind? Seine Geschichte erzählt von kolonialen Verflechtungen, aber auch der ökonomischen Verwertung eines Lebewesens. Der Sehnsuchtsort Zoo bekommt Riese und kollabiert.

Der Langfilm EVERYTHING ELSE IS NOISE von Nicolàs Pereda ist nicht nur mein letzter Film für den Tag, sondern auch der allerletzte Film des Festivals: Um ein Fernsehinterview vor ihrem Ehemann geheim zu halten, entschließt sich die Komponistin Rosa, das Kamerateam in die Wohnung ihrer Freundin Tere, die ebenfalls Komponistin ist, einzuladen. Doch der Lärm der Stadt und der Nachbarn, technische Probleme und immer wiederkehrende Stromausfälle verwandeln den Dreh in eine Erzählung von Rivalität, Musik und der besonderen Beziehung zwischen den drei Frauen Rosa, Tere und Teres Tochter Luisa. Dabei nutzt der Film die Möglichkeit der Montage von Ton und Bild, um die unterschiedliche Haltung und Rollenverteilung der Geschlechter in unserer Gesellschaft ganz fein herauszuarbeiten. Denn während die oberflächlichen Interviewfragen des männlichen Fernsehteams ins Leere laufen, entspinnt sich zwischen den drei Frauen eine energievolle Dynamik. Das Machtverhältnis zwischen Interviewer und Interviewte kippt und offenbart die wahre Intention von EVERYTHING ELSE IS NOISE: ein sensibles und trotzdem humorvolles Portrait über Kunst, Kreativität und Weiblichkeit. Mir wurde vorab dieser Film wärmstens empfohlen und kann diese Empfehlung nur weitergeben. Ein seelenwärmendes Filmerlebnis.

Kurz vor meiner Abreise erfahre ich den Gewinnerfilm des EMAF-Medienkunstpreises des Verbandes der deutschen Filmkritik. Der 25-minütige Kurzfilm DEAD TONGUE von José Jiménez erzählt in körnigen Schwarz-Weiß von dem Bauern Ricardo Rifo: Lautes Knurren und Bellen von Hunden wird nur gelegentlich übertönt von ängstlichem Winseln und gereiztem Kläffen. Ein gesichtsloser Mann irrt durch eine verwüstete Landschaft. Vier Jahrzehnte zuvor war er von Ingrid Olderöck, der mächtigsten Frau der Geheimpolizei während der chilenischen Diktatur, zum Hundetrainer ausgebildet worden. Heute kann er kaum das Grauen, welches er erlebt hat, in Worte fassen.

Die Jury, bestehend aus Masha Matzke, Ursula von Keitz und Maja Roth, begründete ihre Wahl damit, dass DEAD TONGUE von José Jiménez das Noch-nicht-Sagbare in die filmische Form überträgt und dabei die Fragmenthaftigkeit des Gedächtnisses des Protagonisten gekonnt mit der schwarzweiß-Ästhetik des Bruches und der Leerstelle verbindet.

Spät am Abend verlasse ich Osnabrück wieder. Viele Bilder flammen auf der Fahrt zurück und in den nächsten Tagen immer wieder in meinem Kopf auf. Ich denke, an Vater und Sohn aus MORGENKREIS und an die Komponistinnen aus EVERYTHING ELSE IS NOISE, aber auch an die Berge aus Abfall in FALLING IS NOT COLLAPSING, FALLING IS EXTENDING. Die Vielfalt und Masse hat gedroht, mich zu erschlagen, aber ich habe jede Minute davon genossen. Auf bald!

Clara Wignanek