Im Bann der Corona-Pandemie

Erfahrungsberichte unsere Mitglieder.

Wir denken, dass gerade in diesen Zeiten der Austausch untereinander besonders wichtig ist. Deshalb veröffentlichen wir hier in unregelmäßigen Abständen Erfahrungsberichte unsere Mitglieder.

Wendländische Filmkooperative

von Roswitha Ziegler

Liebe Kollegen,

Gottseidank muss ich grade nichts drehen. Jedoch ich habe gerade in den Zeiten einen Film fertig - "33 Tage Utopie" - über die Besetzung des Protestdorfes 1004 vor 40 Jahren und die Ausgrabung des Dorfes, die Erinnerungen von Zeitzeugen usw. Im Kino Platenlasse gab es auch einen Uraufführungstermin am 2. April - der nun, wie so vieles, der Corona-Epidemie zum Opfer fiel.

Weitere Kinoterrmine? Steht alles in den Sternen, und bei dem Stau, der jetzt entsteht, ist es sicher in 2 bis 3 Monaten schwierig, Termine zu bekommen.

What now?
Digitale Uraufführung, streamen?
Würde ich ungern machen.
Wenn das aber die bis auf weiteres einzige Möglichkeit bleibt?
Wie denken Kollegen darüber?
Ausserdem tut sich die Frage für die Termine Kinoauswertung wegen Filmförderung auf.

Herzliche Grüße von Roswitha Ziegler www.wfko.de (Stand 07.04.2020)

Foto oben: Szenenfoto des nicht aufgeführten Filmes '33 Tage Utopie'.

Image-Building

von Rainer Ludwigs

Wir haben das Schlimmste erwartet, zumal die Finanzkrise 2008 / 2009 in unserer Auftragslage deutliche Kerben hinterlassen hatte. Die Gewinnerwartung bei der Künstlersozialkasse haben wir sofort auf die Hälfte reduziert, als die drastischen Maßnahmen bekannt wurden, sowie die freiwilligen Renten- und Lebensversicherungen beitragsfrei gestellt.

Dennoch fielen die Einschränkungen bisher eher moderat aus. Unsere Kunden aus der Wirtschaft haben zwar allesamt darauf hingewiesen, dass in diesem Jahr keine großen Kampagnen zu erwarten sind, aber bestehende Aufträge sollen in etwas reduzierter Form dennoch durchgeführt werden. Tatsächlich bekamen wir Anfragen von Firmen, deren Messebudget nun frei geworden ist und das sie nun in das Medium Film stecken wollen. Auch der von uns übernommene Animationsanteil bei einer Fernseh- und Kinodokumentation wird vermutlich aufgestockt: Die nicht mehr durchzuführenden Interviews sollen per Telefon stattfinden und mit Animationen unterlegt werden.

Wir sehen allerdings mit Sorge dem Sommer entgegen: Wir hatten Ende Juli die Dreharbeiten für einen Kurzspielfilm vorgesehen. Unser Hauptdarsteller ist Ukrainer und wir fürchten, dass bis dahin die Reisebeschränkungen noch nicht aufgehoben sein werden. Womöglich müssen wir mit den Förderern dann in den Dialog treten und den vorgesehenen Fertigstellungstermin verschieben.

Rainer Ludwigs, Image-Building, https://image-building.de (Stand 03.04.2020)

Foto oben: Tetyana Chernyavska und Rainer Ludwigs

JUNIFILM

von Jan Philip Lange

Die JUNIFILM leidet - wie viele andere Produktionsfirmen auch - unter der aktuellen Corona-Pandemie. Unsere Spielfilmproduktion LASVEGAS, nach langer Zeit endlich finanziert und zum Dreh geplant ab 16. April, mussten wir am 13. März aufgrund der Corona-Pandemie auf unbestimmte Zeit verschieben. Die Konsequenzen daraus sind umfangreich und nicht gerade erfreulich: Kein Umsatz, kein Dreh, auch unsere Mitarbeiter*innen für das Projekt mussten wir freistellen. Wann wir wieder in die Vorbereitungen einsteigen können, ist derzeit völlig unklar. Am 20. April werden wir uns beraten und - wenn dann möglich - entscheiden, wann es weitergeht.

Aus Sicht eines kleinen, unabhängigen Produzenten möchte ich kurz schildern, welche Maßnahmen wir ergriffen haben und welche Herausforderungen diese Pandemie an uns stellt.

Das erste, große Problem ist, dass die Filmversicherung im Fall von Pandemien, Seuchen usw. nicht haftet. Das heißt, wenn z. B. ein ausfallversicherter Hauptdarsteller oder der Regisseur an Corona erkrankt wären, hätte die Versicherung die sich daraus ergebenden Mehrkosten für eine Unterbrechung der Produktion nicht übernommen. Dieses Risiko kann kein Produzent eingehen. Zudem - das zeigte sich wenige Tage nach unserer Entscheidung, die Vorbereitungen zu LASVEGAS abzubrechen - werden derzeit keine Drehgenehmigungen für öffentliche Plätze mehr erteilt, Schauspieler und Crewmitglieder weigern sich - zu Recht - am Set zu arbeiten, da körperliche Nähe oft unvermeidbar ist.

Wir hatten etwa 10 Mitarbeiter*innen bereits beschäftigt, als die Entscheidung zur Unterbrechung der Vorbereitungen gefällt wurde. Es gabe zum Teil schriftliche, zum Teil mündliche Verträge. Ein Teil der Crew meldete sich zum nächstmöglichen Termin arbeitssuchend. Für einen anderer Teil, der keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 gehabt hätte, haben wir Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit angezeigt. Das Kurzarbeitergeld beträgt für Kinderlose 60% des Nettogehalts, das man eigentlich erhalten hätte - also genauso viel wie ALG 1. Der Unterschied: Das Kurzarbeitergeld muss der Arbeitgeber, in diesem Fall JUNIFILM, vorstrecken und an die Mitarbeiter*innen auszahlen, bekommt es dann im Nachhinein von der Agentur für Arbeit erstattet. Dazu muss die Kurzarbeit zunächst angezeigt und beantragt werden - etwas völlig Neues für mich. Die Schwierigkeit ist, dass dieses Geld so nicht vorhanden ist. Unser Film wird finanziert durch das ZDF als Coproduzenten, Mittel der BKM, des DFFF, Kuartoriums junger deutscher Film, Eigenmittel und Rückstellungen, ein Investment von The Post Republic und der nordmedia. Einzig die nordmedia und das Kuratorium junger deutscher Film haben bisher ihre ersten Förderraten ausgezahlt - dieses Geld reicht, um die Vorkosten zu decken. Nicht aber die Vorauszahlungen des Kurzarbeitergeldes für die betroffenen Mitarbeiter*innen, eine immerin hohe, fünfstellige Summe jeden Monat. Wir hoffen nun, dass ein Förderer oder das ZDF trotz noch nicht begonnen Drehs einen Teil der Gelder auszahlt, damit wir das Kurzarbeitergeld verauslagen können.

Insgesamt wird der Abbruch der Vorbereitungsarbeiten auch Mehrkosten verursachen, denn wir können nicht nahtlos wieder ansetzen, sondern werden sicherlich zwei Wochen mehr Vorbereitungszeit benötigen, als ursprünglich geplant war. Diese Mehrkosten wollen die deutschen Förderer und hoffentlich auch das ZDF (unklar ist noch, ob das auch bei Co-Produktionen gilt) anteilig übernehmen. Darauf bauen wir und hoffen das Beste!

Eine gute Nachricht ist, dass die Beantragung der Corona-Soforthilfe-Mittel des Landes Niedersachsen gut funktioniert hat. Wir konnten hier 5.000 EUR beantragen - zwar ein kleiner Tropfen auf den heißen Stein, aber immerhin - und haben dies am Freitag, 27. März, getan (nachdem der Server der NBank, die die Auszahlung übernehmen, zunächst zwei Tage überlastet war). Noch am selben Abend wurde der Antrag genehmigt und am 1. April waren die 5.000 EUR auf unserem Firmenkonto.

Ich hoffe, dass wir uns alle Filmschaffenden mit einem blauen Auge durch diese noch nie dagewesene Krise kommen. Gerade für kleine Unternehmen wie unseres ist das nicht leicht, für Freelancer ebenso wenig. Solidarität, gegenseitiges Verständnis und gegenseitige Unterstützung halte ich für unabdingbar dafür, dass das Bewältigen dieser Pandemie gelingt.

Jan Philip Lange, www.junilfilm.de (Stand 01.04.2020)

Foto oben: JUNIFILM Gesellschafter (v.l.n.r.): Nils Loof (Regisseur, Autor), Sven Junker (Cineteam Hannover), Jan Philip Lange (Geschäftsführender Gesellschafter, Produzent), Tim Schäfer (Cineteam Hannover), Sigurd Frank (Cineteam Hannover)